Ich arbeite für Schulterblick und interviewe Menschen für den Newsletter. Dabei treffe ich jene, die durch Schulterblick eine neue Sicht auf die Dinge gewonnen haben. Lisa zum Beispiel fährt jetzt wacher durch die Stadt und ihr neues Fahrrad hat ihr Leben verändert. Das machte mich neugierig, und wir vereinbarten ein Interview, um ihre Geschichte zu niederzuschreiben.
Lisa kommt mit ihrem Brompton zum Interview. Mit dem Faltrad kombiniert sie ihre Wege mühelos mit der U-Bahn. Sie ist 35, arbeitete früher im Sozialbereich und unterrichtet heute als Radfahrlehrerin bei Schulterblick. Die Ausbildung schärfte ihren Blick auf den Verkehr, das neue Rad veränderte ihr Leben.
Das neue Fahrrad veränderte ihr Leben
Früher betreute Lisa ihre Klient:innen in der ganzen Stadt. Sie fuhr alles mit dem Rad und war abends erschöpft. Trotzdem radelte sie in ihrer Freizeit, etwa auf der Donauinsel. Die zehn Kilometer bis zum einen Ende empfand sie aber als weit und anstrengend.
Ihr altes Rad war schwerfällig und funktionierte schlecht. Sie wusste: Sie braucht ein neues Fahrrad.
2023 kaufte sie sich ein Gravelbike. Damit gewann sie die gewünschte Flexibilität, konnte auf der Straße und im Gelände fahren, wann immer sie wollte. Das neue Rad gab ihr das Gefühl, selbstbestimmt und mit eigener Muskelkraft überall hinzukommen.
Ein Fahrrad, das zu dir passt, erleichtert dein Leben ungemein – es kann dein Leben verändern!
Bei Schulterblick leitete sie anfangs bis zu vier Kurse pro Woche in Wien und in Städten in Niederösterreich. Mit dem Rad zum Zug und den Ausfahrten im Kurs legte sie oft 35 Kilometer zurück. Dazu kamen ihre Alltagswege: zur Probe, zum Einkaufen – alles erledigt sie mit dem Fahrrad. Jetzt kümmert sie sich auch um die Buchung der Radfahrkurse und hat drei Kurstage pro Woche – auch da summieren sich die Kilometer immer noch.
Heute hat sie fast immer ein Fahrrad dabei, selbst wenn sie etwas transportieren muss. Dann verwandelt sie es mit Spanngurten schnell in ein Lastenrad und bringt neben Rucksack und Taschen auch Balkonplatten nach Hause.
Mittlerweile erscheinen ihr selbst 50 Kilometer kurz. Neulich radelte sie mit Freund:innen in der Steiermark 140 Kilometer. Letztes Jahr war sie als Zaungast bei der Tour de France Hommes, um mit Vater und Cousin die Profis anzufeuern – natürlich oben am Mont Ventoux. Und dachte sich: „Krass, hier bin ich hochgeradelt.“ Nächstes Mal möchte sie die Profis der Tour de France Femmes anfeuern.
Nicht jede:r braucht ein Rennrad oder Mountainbike. Es muss auch nicht teuer sein. Ihr Tipp:
Kauf dir ein Fahrrad, das zu dem passt, was du vorhast. Oder hol dein altes Fahrrad aus dem Keller und bring es wieder zum Laufen – hierfür kannst du in die Bikekitchen fahren und dich dort unterstützen lassen.


Die Ausbildung änderte ihre Wahrnehmung
Die Ausbildung bei Schulterblick schärfte ihren Blick: „Ich fahre mit viel mehr Bewusstsein für das, was um mich rum passiert.“ Sie achtet mehr auf Schilder und Regeln: Was gilt wo? Was darf ich wo? Außerdem fühlt sie sich sicherer, wenn sie argumentieren muss – etwa, wenn sie im Recht ist und das früher nicht wusste.
Wenn ein Autofahrer aggressiv fragt: Wieso fährst du jetzt hier? – dann weiß sie, dass sie hier gegen die Einbahn fahren darf. Das regt sie so auf, dass sie das nicht auf sich sitzen lassen kann.
Sie fährt wacher durch die Stadt. Ihr fallen jetzt Dinge auf, die sie früher übersah: interessante Kreuzungen, seltsam platzierte Schilder oder Radwege, die plötzlich enden. Dann fragt sie sich: Wohin jetzt mit mir und meinem Rad?
Ein Beispiel ist der Weg vom Karlsplatz über die Wiedener Hauptstraße. Die Ampel dort galt nur für Fußgänger:innen – was kaum jemand wusste. Für Radfahrer:innen galt das Stoppschild, sie wurden bestraft, wenn sie bei Grün über die Straße fuhren, ohne anzuhalten. Heute steht dort ein „Vorrang geben“-Schild.
Manchmal muss ich über solche Situationen schmunzeln. Vor der Ausbildung wusste ich das alles nicht.
Mehr Zeit, mehr Wahrnehmen
Doch das genauere Wahrnehmen lässt sie auch mehr hinterfragen. Es gibt Ampeln, die sie für unsinnig hält, weil sie dort über 200 Meter weit sehen kann und meist kein Auto kommt. Manchmal denkt sie im Straßenverkehr: „Wollt ihr uns hier für dumm verkaufen?!“
Die Strafen nimmt sie heute stärker wahr, weil sie mit mehr Menschen zu tun hat, die viel Rad fahren und erzählen, wie sie für das Fahren am Gehsteig oder beim Überfahren einer roten Ampel abgestraft wurden.
Heute versucht Lisa, früher loszufahren, damit sie nicht hetzen muss – denn das ist gefährlicher. Dann schaut sie weniger und gerät leichter in schwierige Situationen, wenn sie unter Zeitdruck steht.
Sie wünscht sich mehr Rücksicht im Straßenverkehr. Mehr Zeit, mehr Wahrnehmen für alle – und das Bewusstsein: Was für mich gilt, gilt auch für die anderen.
Kinder auf komplexen Verkehr vorbereiten
Kürzlich bei einer Ausfahrt mit Schulkindern in Wolkersdorf entschied sich Lisa, die Regeln nicht stur einzuhalten. Sie fuhr auf einer Hauptstraße, ordnete sich links zum Abbiegen ein. Hinter ihr fünf Kinder und eine Begleitperson. In der Straße, in die sie einbog, war gleich ein Zebrastreifen. Eine Frau wollte gerade hinübergehen und hätte Vorrang.
Ich hab die Frau am Zebrastreifen angeschaut und sie verstand. Anschauen hilft immer. Oft muss man nichts sagen.
Es war sicherer, mit den Kindern zügig einzubiegen, als mitten auf der Kreuzung zu warten – nicht zuletzt, weil weitere Autos kamen. In solchen Fällen hält sie kurz danach an und bespricht die Situation mit den Kindern. Sie erklärt ihnen die Komplexität der Situation.
Lisa ist es wichtig, dass die Kinder nicht nur lernen: Das ist das Schild, das ist die Regel und nur so geht es. Sie sollen wissen, dass sie immer Optionen haben – vor allem, wenn sie mit anderen den Verkehrsteilnehmer:innen kommunizieren.
Sie strahlt, wenn sie von ihrer Arbeit bei Schulterblick erzählt und sagt: „Ich wusste nicht, dass Arbeiten so sein kann.“ Vor allem das Draußensein gefällt ihr!
Mehr Verständnis füreinander
Lisa ist heute bewusster, dass Autofahrer:innen in einer Box sitzen und oft wenig sehen. Als Radfahrerin steht man viel stärker mit der Umgebung in Verbindung. Man hört alles, hat ein viel weiteres Sichtfeld als jemand im Auto – und ist schutzloser.
Man trägt als Radfahrerin die ganze Mental Load, die mentale Belastung, für die Autofahrer:innen mit – einfach damit einem nichts passiert!
Noch einmal anders ist es bei Lkw-Fahrern. Wenn sie Lisa schneiden, ärgert sie das, weil sie dann in einer sehr unsicheren Situation ist. Gleichzeitig denkt Lisa: „Der sitzt da oben, der sieht mich einfach nicht! Eigentlich sollte er zwar um die tausend Spiegel an seinem Lkw haben. Aber wer weiß, ob er die hat. “
Lisa verhält sich bei Lkws heute anders. Das kam auch in der Ausbildung zur Sprache. An einer Ampel stellt sie sich entweder weit vor den Lkw, sodass der Fahrer sie sieht, oder sie bleibt dahinter und hält mehr Abstand.
Lisa wünscht sich, dass Lkw- wie auch Autofahrer:innen dieses Bewusstsein haben: Da sind auch Fahrradfahrer:innen unterwegs. Lisa würde sie gern einmal aufs Fahrrad setzen, damit sie sehen, wie das ist. Dann würden wohl einige von ihnen mit mehr Rücksicht fahren – so hofft sie.
Ihr Umfeld nutzt ihr Wissen
Als sie tiefer ins Radfahren einstieg, war sie damit ziemlich allein. Deshalb weiß sie, wie schwierig es ist, sich einzuarbeiten, und wie viel man eigentlich nicht weiß und nicht kann. Sie wird immer wieder zu Situationen gefragt: Du bist doch Radfahrlehrer:in, wie ist es denn hier? Sie gibt ihr Wissen gern weiter.
Ich hab viel von anderen gelernt, auch in der Ausbildung bei Schulterblick. Ich find es voll schön, das weiterzugeben, an die Kinder im Radfahrkurs oder an mein Umfeld.
Lisas Geschichte ist Ende Juni 2026 bei »Schulterblick – Die Radfahrschule« erschienen, und war die Story im Juli-Newsletter.