Am Radweg: Erst der Körper, jetzt die Würde

Sexuelle Belästigung: Ich wollte nie wieder in Wien Radfahren – eine Anzeige und ein Artikel waren damals meine Therapie! Nun stehe ich wieder vor der Polizei.

Kaum bin ich aus der Haustür raus schneidet mich das erste Auto, nach dem Stück Radweg wieder auf der Straße, das nächste und noch eines und wieder eines – auf wenigen hundert Metern. Liegt es daran, dass ich gerade am Weg zur Polizei bin, dass mir das besonders auffällt? Nach gut drei Kilometern bin ich da: Ein Euro für jedes Auto, das den Sicherheitsabstand zu mir unterschritten hat, und ich hätte mir in den 15 Minuten Radfahrt ein feines Mittagessen verdient – Kaffee und Nachspeise inklusive.

Ich sperre mein Rad vor der Polizeiinspektion am Verkehrsschild ab: Heute fällt es mir so richtig auf, was sonst nur ein unterschwelliges Gefühl ist: als Radfahrerin werde ich nur toleriert, aber nicht respektiert und schon gar nicht als gleichwertige Verkehrsteilnehmerin anerkannt. Bereits Goethe konstatierte:

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Was war passiert?

Es war dunkel, gegen Dreiviertel zehn an einem Montagabend Ende August in Wien: Er öffnet sein Hosentürl, streckt sein Becken hervor und kommt ums Auto auf mich zu. Er beschimpft mich dabei und auch seine Kumpels rücken näher. Ich hatte angehalten und „Du versperrst den Radweg!“ gesagt. Ich kam gerade aus dem sechsten Bezirk, hatte den Donaukanal überquert, war in die Praterstraße gefahren und gleich auf den Popup-Radweg gewechselt. Nach nur 50 Metern steht mir ein Auto im Weg: Quer geparkt verstellt das Heck den baulich getrennten Radweg, die Motorhaube ragt weit auf den Popup-Radweg. Eingeschüchtert, aber nicht erstarrt, zücke ich mein Handy und mache zwei unkoordinierte Schnappschüsse – die zumindest die offene Hose des Täters und die Nummerntafel des Autos einfangen.

Mein Körper war im Fluchtmodus und lag im Clinch mit meiner Empörung: Hätten vis-á-vis nicht so viele Menschen im Schanigarten gesessen und wären nicht auch ein paar Leute am Gehsteig stehen geblieben, um das Ganze zu beobachten – ich wäre sofort ohne Fotos zu machen davon geradelt. So entdeckte ich auch noch das „L“ in der Windschutzscheibe und sagte zum Schluss: „Ach, du bist Anfänger!“ und lachte laut los, als ich fluchtartig davon radelte: Es war der Versuch, meine Würde zu wahren und äußerlich cool zu bleiben – innerlich war mir jedoch heiß und kalt zugleich.

Bei der Polizei …

Der Polizeiinspektor vom Landeskriminalamt – LKA Wien nahm sich Zeit für mich, meine Fragen und die Aufnahme meiner Aussage. Er war umsichtig und verwendete meine Wortwahl – bis auf „sexualisiertes Verhalten“ – das ließ ich beim Gegenlesen in sexuelle Belästigung ändern: Denn „sexualisiert“ klingt für mich, als hätte ich im Nachhinein zu einer Alltagshandlung noch den Sex hinzugefügt.

Hier liegt ein Verkehrsdelikt vor: Die Blockade einer Hauptradroute mit einem Auto – auf die ich die Gruppe von Männern, die zum Auto gehörten, hinwies. Als Antwort bekam ich halb entblößte Geschlechtsteile, Drohgebärden und Beschimpfungen. Wie wäre wohl die Reaktion ausgefallen, wenn ich ein Mann wäre?

„Warum mache ich die Anzeige?“, war die Schlussfrage – der letzte Absatz meiner Zeugenaufnahme liest sich so: „Durch die beschriebenen Geschehnisse fühlte ich mich verängstigt, in meiner Würde verletzt und sexuell belästigt. Nach Gesprächen mit einigen Bekannten und reiflicher Überlegung hab ich mich entschlossen Anzeige zu erstatten, um damit beizutragen, dass „solchen“ Männern Grenzen gesetzt werden und um eine Beitrag für ein respektvolles Miteinander zu leisten.“

Anders formuliert: Was ich bislang an Wien so liebte, ist, dass ich überallhin radeln konnte – auch nachts über die Donauinsel oder durch den Prater. Als Frau. Ohne einen Gedanken an Strategien zu verschwenden. Strategien, die sich wohl fast jede Frau und manch ein anderer Mensch für bestimmte Situationen zurecht gelegt hat und die dann im Kopf auftauchen und abgespult werden – immer und immer wieder, bis du sicher zu Haus bist. Mit dieser Anzeige will ich mir meine Unbekümmertheit und Freiheit, die Generationen vor mir schwer erkämpft haben, zurückholen und beitragen, dass die Straßen und Plätze für alle Menschen sicher bleiben beziehungsweise wieder werden.

Der Erstkontakt mit der Polizei war allerdings ein Déjà-vu mit 2015

Der Polizeiinspektor beim LKA Wien hatte mir zu Beginn angeboten zu einer Kollegin zu wechseln. Da er aber respektvoll und empathisch war, lehnte ich dankend ab. Dagegen verlief der Erstkontakt mit der Polizei unangenehm: Als ich nachfragte, wie und wo ich eine Anzeige erstatten kann, wurde ich von dem Polizisten am Telefon dauernd unterbrochen und verbal dominiert. Das weckte Erinnerungen an 2015, als ich telefonisch Auskunft zu meiner Anzeige wegen Körperverletzung erhalten wollte: Damals hatte mich der Polizist um einen Moment Geduld gebeten, den Hörer abgelegt und sich abschätzig lustig gemacht und öfters das P-Wort verwendet – als er sich wieder mir am anderen Ende des Hörers zuwandte, erklärte ich ihm: „Wenn Sie schon so respektlos gegenüber mir als Ausländerin sind, dann stellen Sie doch wenigstens sicher, dass ich das nicht mit anhören muss!“

Die Anzeige wegen Körperverletzung wurde damals eingestellt, ich erhielt ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft. Eine Freundin hat mir ähnliches bei ihrer Anzeige wegen Fahrraddiebstahls berichtet: Als sie ihren deutschen Pass vorzeigte, verschärfte sich schlagartig der Ton der Polizisten und die Hilfsbereitschaft verschwand.

Nachdem ich die Anzeige per E-Mail erstattet hatte, fragte ich in der Facebookgruppe „Radfahren in Wien“: „Hat noch wer in letzter Zeit sexuelle Belästigung beim Radfahren erleiden müssen?“ Die Rückmeldungen waren schockierend – mir war nicht bewusst, dass es so oft passiert und einige Frauen ihre Geschichte nur schrieben, weil ich zuvor meine veröffentlicht hatte. Soviel Zuspruch und Danke für das Erstatten der Anzeige – von Frauen, wie von Männern – hatte ich nicht erwartet!

Hat er die Reife fürs Lenken tonnenschwerer Fahrzeuge im dichten Stadtverkehr?

Die Zeugenaufnahme im LKA Wien ging dahin: Wir kamen auf das „L“ – Übungsfahrt hinter der Windschutzscheibe zu sprechen. Ich hatte mit 18 Jahren meinen Auto-Führerschein gemacht, als ich vor einem Berg auf der Autobahn mit meinem alten Studierendenauto Anlauf nahm, um diesen gut zu schaffen. Im Anlauf, in der Senke, überschritt ich die Höchstgeschwindigkeit und wurde geblitzt: Ich musste zur Nachschulung – ich war noch in der Probezeit.

Damals in meinem Nachschulungskurs in Thüringen hatte ein Teilnehmer einen Einbruch begangen, ein anderer Fahrerflucht und ein Dritter Körperverletzung. Und heute, hier in Wien: Eine Gruppe von Männern, die mit ihrem Auto eine Hauptradroute versperren, damit Menschen am Rad unnötiger Gefahr aussetzen und beim Hinweis darauf – mich einschüchtern, sexuell belästigen und beschimpfen: Hat so jemand die persönliche Reife, um ein tonnenschweres Fahrzeug im dichten Stadtverkehr zu lenken?

Gibt es Empfehlungen für solche Situationen?

Jede Tat ist anders – das Einschätzen der Situation kann dir niemand abnehmen. Selbstschutz und die eigene Unversehrtheit – körperlich wie seelisch – hat oberste Priorität, egal wie groß der Angriff auf deine Würde durch Dominanz- und Unterdrückergebaren der Täter ist. Wenn du flüchten willst und kannst: Tue es!

Was jedenfalls hilft, ist, wenn Menschen im Umfeld unterstützen: Wer bemerkt, dass ein anderer Mensch bedroht wird, bleibe bitte stehen und beobachte – das ist bereits Zivilcourage und unterstützt schon sehr. Ich hätte die Fotos nie gemacht – ohne die anderen unbeteiligten Menschen um mich herum. Im Idealfall gleich anbieten als Zeugin oder Zeuge auszusagen und Kontaktdaten weitergeben.

Die Polizei hat hier auch keine allgemeine Empfehlung. Sicher, Fotos helfen. Und direkt den Notruf 133 anrufen: „Ich werde sexuell belästigt und die Täter sind noch da!“ – aber das musst du dich erst einmal trauen. Schutz würde ich mir für so einen Anruf wohl nur in einem vollen Lokal suchen, in dem viele unterschiedliche Menschen sind oder indem ich selbst oft verkehre. Den direkten Weg vom Tatort zum vollen und Schutz vermittelnden Schanigarten vis-á-vis haben mir jedoch drei befahrene Autospuren versperrt.

Eine Anzeige hat immer Sinn!

Ja, es kostet Lebenszeit. Aber für mich bedeutet eine Anzeige auch etwas tun zu können und damit im Nachhinein die Kontrolle über die Situation wieder zu übernehmen: Das Gefühl der Hilflosigkeit schwindet und der Schock verblasst schnell und wächst nicht zu einem Trauma heran, das mich vielleicht künftig davon abhält, mit meinem Fahrrad zu fahren.

Ich musste zwei Anzeigen erstatten: Für das vorschriftswidrige Halten am Radweg und wegen sexueller Belästigung. Dafür sind zwei unterschiedliche Stellen zuständig: Die Anzeige wegen sexueller Belästigung wurde intern von der Polizei ans LKA – Wien weitergeleitet. Sie erfolgt gemäß Paragraf 218 Strafgesetzbuch (StGB) und wird – ohne der Staatsanwaltschaft etwas vorwegzunehmen – aus der Erfahrung und bisherigen Gesetzesauslegung heraus, wohl eingestellt werden. Eine Verwaltungsstrafe, wegen Anstandsverletzung gemäß Paragraf 1 des Wiener Landes- und Sicherheitsgesetzes (WLSG) ist erfolgsversprechender. Der Polizeiinspektor wird sich mit dem Kollegen kurzschließen und Sorge tragen, dass die Verwaltungsübertretung gestraft wird. Ohne persönliche Absprache kann so etwas untergehen: Beide können die Verwaltungsstrafe für die Anstandsverletzung veranlassen – nachdem der Tatbestand der sexuellen Belästigung geprüft und entschieden wurde.

Eine Auskunft, ob und in welcher Höhe gestraft wurde, erhalte ich als Opfer nicht. Auch die beiden Polizeiinspektoren nicht. Ich erhalte ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft, wenn das Verfahren eingestellt, oder eine Ladung, wenn es eröffnet wird. Für mich wäre diese Rückmeldung wertvoll! Sie würde mir zeigen, dass es letztlich doch etwas bewirkt hat, Anzeige zu erstatten. So bleibt mir nur die Gewissheit, dass dieser Vorfall in die Anzeigenstatistik eingeht.

Laut der 2011 veröffentlichten Österreichischen Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern haben Dreiviertel aller Frauen in Österreich sexuelle Belästigung erlebt und nahezu ein Drittel sexuelle Gewalt erfahren – so beginnt die Zusammenstellung der Zahlen und Fakten zu sexueller Gewalt gegen Frauen von der Frauenberatung* Notruf Österreich.

Und jetzt …?

Ich werde weiter diejenigen Menschen mit Autos, die Menschen mit Fahrrädern gefährden, darauf hinweisen. Jene, die an dieser Stelle wieder reflexartig auf die Verstöße von Radfahrenden hinweisen, möchte ich fragen: Sind das nicht zumeist die Symptome der schlechten oder gar nicht vorhandenen Infrastruktur? Wieviele dieser Symptome – der Regelübertretungen von Menschen am Rad – auf der krankenden Verkehrsinfrastruktur würden wohl automatisch verschwinden, wenn Straßenraum als Lebensraum wertgeschätzt und zügig und konsequent von autogerecht in fahrrad- oder besser menschengerecht umgebaut werden würde?

In allen Verkehrslagen gilt es, gemeinsam Grenzen zu setzen – da, wo dominiert, unterdrückt, gefährdet oder bedroht wird! Für ein Miteinander, respektvollen Umgang und Anerkennung statt Toleranz!

Dieser Beitrag ist im September 2020 im Community Blog auf der Freitag – Die Wochenzeitung erschienen.

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