Integration auf zwei Rädern

Der Wiener Verkehr stößt laut Umweltbundesamt 37 % des gesamten, städtischen CO2 aus. Über ein Drittel der Wienerinnen und Wiener besitzen einen ausländischen Pass. Wie können Forschende die Bedürfnisse von Migrantinnen und Migranten besser erfassen? Das Projekt EMCY („Enabling Migrants to Cycle“) suchte Antworten und untersuchte, welche Hürden Migrantinnen und Migranten vom Radfahren abhalten. Denn eine Reduktion der Treibhausgasemissionen auf netto-null bis 2040 ist nur durch eine Verhaltensänderung aller Menschen in Wien möglich. Die Ergebnisse zeigen: Radfahren stärkt das Zugehörigkeitsgefühl. Außerdem erfüllt die EMCY-Stichprobe bereits die Mobilitätsziele der Stadt Wien.

Radfahren stiftet Zugehörigkeit zur Stadt Wien und zu Österreich

„Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, dann fühlt ich mich mehr integriert mit der Community hier mit den Österreichern. Und am schönsten ist es, wenn ein österreichischer Radfahrer mir hallo sagt“, erzählt ein Interviewpartner aus Syrien. Ein anderer aus Iran/Afghanistan sagt:

„Ich fühl’ mich sehr glücklich, wenn ich Fahrrad fahre, in dem Moment denk’ ich, ganz Österreich gehört mir.“

Eine weitere Interviewpartnerin aus Sudan und Saudi-Arabien vergleicht Wien mit vielen Städten und Ländern, in denen sie gelebt hat: „Wien ist eine sehr liebe Stadt, dass Menschen auf der Straße mit dem Fahrrad fahren.“ Radfahren gibt ihnen das Gefühl, hier dazuzugehören.

Wie erreicht man Migrant:innen?

EMCY setzte auf Workshops und Radfahrkurse, um Migrant:innen anzusprechen und zu befragen. „Wir wollten ihnen etwas bieten, wenn sie sich die Zeit nehmen unsere Fragen zu beantworten“, sagt Beatrice Stude von stape – Urban Consulting, die das Konsortium aus TU Wien, Uni Wien und klarFakt koordiniert. Das Ziel von EMCY: Enabling Migrants to Cycle. Im Projekt sprach das Team 369 Menschen an und befragten sie.

Einige erzählten bei der Befragung, dass sie sich freuten, gefragt zu werden – oft zum ersten Mal. In den vertiefenden Interviews sagte uns eine Mathematiklehrerin aus Syrien „Ich möchte gern, dass meine Stimme angehört wird.“ Ein syrischer Lehrer sagte:

„Es ist ganz, ganz wichtig, dass unsere Voice gehört wird, weil wir uns eigentlich lange nicht gehört gefühlt haben.“

Motivation für das Projekt EMCY

Das Projekt EMCY erforscht, welche Hürden Migrant:innen in Wien beim täglichen Radfahren überwinden müssen. Mit einem intersektionalen Fokus auf Geschlechterfragen zeigt es auf, was diesen Gruppen das Radfahren erschwert. Ziel ist es, fundierte Erkenntnisse zu gewinnen und gezielte Unterstützung zu entwickeln.

Im Vorgängerprojekt FreiRAD, das die Freiwillige Radfahrprüfung und Eltern von Volksschulkindern in den Mittelpunkt stellte, gaben 86 Prozent der befragten Eltern (Stichprobe: 1100) an, Deutsch als Muttersprache zu sprechen. Daraus konnte das EMCY-Team schließen, dass die meisten keinen Migrationshintergrund hatten. Migrant:innen waren bei FreiRAD stark unterrepräsentiert – das motivierte dazu, EMCY zu starten und die vernachlässigten Perspektiven von Migrant:innen sichtbar zu machen.

Migrant:innen in die Forschung einbinden

Ihre Bedürfnisse und Perspektiven sind in der Forschung bislang oft unterrepräsentiert. Wie erreicht man Migrant:innen? Gemeint sind Menschen, die in Wien leben, aber außerhalb der Europäischen Union geboren wurden, wie sie 1995 bestand, als Österreich beitrat. So wurde der Begriff für das Projekt gefasst.

Das Team arbeitete deshalb mit mehreren lokalen Organisationen und Volksschulen zusammen: Diakonie Zinnergasse, Piramidops Frauentreff, Fremde werden Freunde, Projekt Integrationshaus, Peregrina und PIR you are welcome; sowie den Volksschulen Braunhubergasse, Molitorgasse und Münichplatz. So entstand ein Schwerpunkt in Simmering und in der nördlichen Leopoldstadt.

Der Fokus lag zudem oft auf Frauen, weil einige Kooperationspartner:innen ausschließlich mit Frauen arbeiten.


Was sich alle Geschlechter wünschen

Die Mehrheit der Befragten – 70 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer – wünscht sich, wie die Umfrage zeigte, dass mehr Menschen Rad fahren. Deshalb wollen auch sie selbst häufiger das Fahrrad nutzen. Bei den Zugewanderten liegt der Anteil mit 10 Prozent etwas höher als bei denen, die schon immer hier leben.

Was brauchen die Befragten, um mehr Rad zu fahren? Ein Drittel nannte sieben Schwerpunkte:

  • mehr Übung, um besser Fahrrad fahren zu können, etwa in einem Radfahrkurs zum Lernen und Üben;
  • bessere Kenntnisse der Verkehrsregeln;
  • mehr Sicherheit und ein besseres Gefühl beim Radfahren in der Stadt;
  • mehr Radwege;
  • ein Fahrrad mit Schloss;
  • einen Helm;
  • sichere Fahrradparkplätze, zum Beispiel zu Hause, in der Schule oder am Arbeitsort.

Wie gut fahren Sie Rad?

22 Prozent der befragten Frauen können nicht Rad fahren. Bei den Männern sind es nur 3 Prozent. Die Hälfte der Frauen und neun von zehn Männern halten sich für gute Radfahrer. Frauen unterschätzen sich dabei eher. Männer überschätzen sich eher.

Frauen stoßen zudem auf weitere Hürden. Frauen aus Afghanistan erzählten in einem Workshop, sie hätten als Kinder Radfahren gelernt. Ab ihrem siebten Lebensjahr sei es ihnen jedoch verboten worden, weil sie Mädchen waren.

Oft fehlt auch die Gelegenheit, Radfahren zu üben. In einem anderen Workshop antworteten sechs von acht Frauen aus der Türkei auf die Frage, ob sie einen Radfahrkurs besuchen möchten, mit „Ja! “. Sie zogen jedoch ein Dreirad vor, weil sie damit nicht stürzen können. Die Teilnehmerinnen waren über 50, meist sogar über 60 Jahre alt.

Einige Interviewte sehen keine Möglichkeit, das Fahrrad im Alltag zu nutzen. Ihre Wege sind entweder zu weit oder so kurz, dass sie zu Fuß gehen können. Andere wiederum sehen im Radfahren eine praktische Alternative zu den Öffis. Es kostet weniger Zeit und ist bequemer.

Migrant:innen erreichen die Mobilitäts-Ziele der Stadt Wien bereits

Die EMCY-Stichprobe zeigt: Migrant:innen erfüllen die Vorgaben der Stadt schon heute. Sie gehen häufiger zu Fuß als der Wiener Durchschnitt und nutzen öfter die Öffis. Dafür fahren sie deutlich seltener Auto und radeln auch weniger.

Ein Vergleich der Geschlechter zeigt: Etwas mehr Frauen als Männer gehen zu Fuß, nutzen öffentliche Verkehrsmittel oder fahren im Auto mit. Männer steigen dagegen häufiger aufs Rad und sitzen öfter selbst am Steuer.

Die Stadt Wien verfolgt im Fachkonzept Mobilität 2025 das Ziel 80:20. Demnach sollen die Wiener 80 Prozent ihrer Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen – und nur 20 Prozent mit dem Auto.


Rund 60 Prozent der Frauen und Männer finden, dass Wien eine gute Stadt zum Radfahren ist. Neun von zehn Menschen besitzen ein Fahrrad, nutzen es aber kaum. Dagegen nutzen 3 Prozent der Menschen ohne eigenes Fahrrad öfters Leihräder im Alltag. Auch zwischen Frauen und Männern zeigt sich ein Unterschied: Jede fünfte befragte Frau fährt ein- oder mehrmals pro Woche Rad, bei den Männern sind es doppelt so viele.

Bedeutung und Emotionen beim Radfahren

Im Rahmen von zusätzlichen Einzelinterviews zeigte sich: Viele Interviewte sehen Radfahren als Freizeitvergnügen. Sie nutzen das Rad vorwiegend am Wochenende oder nach Feierabend, nicht im Alltag. Dennoch nennt fast die Hälfte der Interviewpartner:innen das Radfahren als Alternative für Alltagswege, etwa zum Deutschkurs, zur Arbeit oder zum Einkaufen.

Kinder motivieren Erwachsene oft, aufs Rad zu steigen. Viele wollen gemeinsam mit ihren Kindern radeln. Einige erzählen, dass sie die Radfahrkurse weniger wegen des Fahrens schätzten, sondern wegen der freundlichen Gemeinschaft. Sie genießen es, Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen oder neue Menschen kennenzulernen.

Gleichzeitig äußerten die Interviewten oft Angst und Sorge. Diese Ängste betreffen nicht nur Stürze oder Verletzungen, sondern auch Fahrraddiebstahl oder die Furcht, Verkehrsregeln zu missachten und dadurch in Schwierigkeiten zu geraten. Sie wollen Fehler vermeiden, um keinen Ärger zu bekommen – besonders jene, die auf einen dauerhaften Aufenthaltstitel hoffen, möchten Konflikte mit den österreichischen Behörden unbedingt vermeiden.

Handlungsempfehlungen

Die Ergebnisse der Befragungen wurden fachlich mit externen Personen besprochen und die Empfehlungen in vier Handlungsfelder eingeordnet: Infrastruktur, Ausstattung, Bewusstsein und Lernen.

Infrastruktur: Wien bietet viele Radwege, doch sie unterscheiden sich stark, etwa durch verschiedene Farbmarkierungen. Viele Radfahrer:innen finden schwer eine passende Route. Oft fehlen Abstellplätze bei Arbeitsstätten oder Freizeiteinrichtungen – wie diebstahlgeschützt zu Hause. In der Befragung sagte jede:r Zehnte sie bräuchten mehr Übung. Daraus entsteht der Wunsch nach geeigneten Übungsplätzen und Informationen zu deren Standorten. Parks könnten helfen, wenn sie Radfahrern zumindest teilweise offenstehen.

Ausstattung: 31 Prozent der Befragten besitzen kein Fahrrad, meist aus finanziellen Gründen – obwohl es viele günstige und sichere Alternativen gibt, die kaum jemand kennt. Die Leihoption Wien-Mobil-Rad erwies sich im Test als umständlich, die Anmeldung ist kompliziert und die Räder oft zu groß. Es fehlt an Informationen über Leihräder, Fahrradschlösser und Helme, was besonders sozial benachteiligte Gruppen abschreckt.

Bewusstsein: Ängste vor Fehlverhalten, kulturelle Barrieren und Diskriminierung erschweren das Radfahren. Das Bewusstsein, dass Radfahren die Gesundheit fördert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, ist jedoch weit verbreitet. Viele Befragte interessieren sich für gemeinsame Radausflüge. Kinder können ihre Eltern zum Radfahren motivieren.

Lernen: In Wien gibt es gute Angebote, damit Kinder Radfahren lernen und üben. Erwachsene fühlen sich jedoch oft allein gelassen. Mehr Kurse für Erwachsene würden auch die Angebote für Kinder stärken. Die folgende Grafik zeigt das bestehende Angebot und die Wünsche nach weiteren Kursen.



Am Freitag, dem 21. August, direkt nach der Critical Mass, zeigt das Team im Helmut-Zilk-Park den Kurzfilm zum Projekt sowie weitere Kurzfilme rund ums Radfahren. Außerdem holt es einige Mitwirkende auf die Bühne. Der Film beginnt gegen 21 Uhr, sobald es dunkel wird.


Wir danken unseren Kooperationspartner:innen: Diakonie Zinnergasse, Verein Piramidops/Frauentreff, Verein Projekt Integrationshaus, Peregrina, Fremde werden Freunde, you-are-welcome / PIR, Volksschule Braunhubergasse, Volksschule Molitorgasse und Volksschule Münichplatz – und der Mobilitätsagentur Wien, dafür das wir die Fahrräder kostenlos nutzen konnten.

Wir danken dem Gremium aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, dass EMCY begleitet hat.

Wir danken auch unseren Subunternehmern Martin Udovičić als Illustrator, Schulterblick – Die Radfahrschule, sowie Andreas Röderer als Radmechaniker.

Und natürlich gilt unser Dank allen Menschen, die im Projekt involviert waren, vor allem jene, die sich Zeit genommen haben unsere Fragebögen zu beantworten und in Interviews Auskunft zu geben.


Dieses Projekt wird aus Mitteln der FFG gefördert. www.ffg.at


Weitere Beiträge zum Projekt:

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