EMCY Empfehlungen

Im Projekt EMCY – Enabling Migrants to Cycle wurden zwei Fragen untersucht: »Welche Hürde begegnen Migrant:innen beim Radfahren im Alltag?» und »Wie erreichen wir Migrant:innen für die Forschung?« und daraus Handlungsempfehlungen entwickelt, sowie Empfehlungen fürs Einbinden von Migrant:innen abgeleitet.

Handlungsempfehlungen

Aus Befragungen, Gesprächen und weiteren Aktivitäten wurden Handlungsempfehlungen entwickelt und geclustert in Lernen, Ausstattung, Infrastruktur und Bewusstsein. Sie zeigen: Neben sicheren Radwegen braucht es auch Wissen, Übung, leistbare Fahrräder und ein Umfeld, in dem sich alle willkommen fühlen.

Lernen: Wissen vermitteln und Radfahren üben

Wer Radfahren lernen oder sich im Straßenverkehr sicherer bewegen will, braucht passende Möglichkeiten. Erwachsene profitieren von leicht zugänglichen, erschwinglichen oder kostenlosen Radfahrkursen und von sicheren Plätzen zum Radfahren üben. Spezielle Angebote wie Frauenkurse, Kinderbetreuung oder Eltern-Kind-Aktivitäten erleichtern den den Einstieg. Ebenso wichtig sind klare, mehrsprachige Informationen mit praktischen Tipps zur Fahrradnutzung. Eine kompakte Informationsbroschüre enthält die wichtigsten Verkehrsregeln, Rechte und Pflichten, Hinweise zu Fahrradverleih, günstigen Bezugsquellen sowie Kurs- und Übungsangebote. Ergänzend sind darin einfache Anleitungen zur Wartung und Reparatur zu finden. QR-Codes können den Zugang zu kurzen Lernvideos erleichtern. Diese Informationen müssen dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden – in Unterkünften, Integrationseinrichtungen, Schulen und sozialen Einrichtungen. Idealerweise sind sie Teil von Sprach- und Integrationskursen.

Ausstattung: Zugang zu Fahrrädern und passende Ausrüstung

Ein Fahrrad muss nicht nur verfügbar, sondern auch erschwinglich und alltagstauglich sein. Die Anschaffung eines eigenen Fahrrades, Helms und Fahrradschlosses, wie auch dessen Reparaturen können Hürden darstellen. Deshalb sollten Informationen zu günstigen gebrauchten Fahrrädern, Verleihangeboten und möglichen Förderungen leicht zugänglich sein. Langfristig erleichtern kostenlose oder vergünstigte Fahrräder den Einstieg zusätzlich. Auch der Verleih selbst muss verständlich und einfach nutzbar sein. Leihfahrräder in verschiedenen Größen sollten bereitstehen. Dazu gehören klare Informationen über Anmeldung und Kosten sowie Angebote in unterschiedlichen Stadtteilen. Reparaturmöglichkeiten und praktische Hilfestellungen sichern die dauerhafte Nutzung eines Fahrrads. Gezielte Nutzung sozialer Netzwerke von Migrant:innen, um die Informationen zu verbreiten.

Infrastruktur: Sichere Wege und klare Bedingungen schaffen

Wer Rad fährt, braucht sichere (Rad-)Wege und geeignete Rad-Abstellplätze. Die Radverkehrsinfrastruktur muss in allen Bezirken gut ausgebaut und leicht verständlich sein. Besonders wichtig sind sichere Verbindungen zwischen Außenbezirken und zentralen Stadtteilen, klar markierte Routen und ausreichend sichere Rad-Abstellplätze bei Wohnhäusern, Arbeitsplätzen, Schulen und Freizeiteinrichtungen. Eigentümer:innen und Hausverwaltungen sollten für ausreichende und sichere Abstellmöglichkeiten sorgen. Auch Übungsräume sollten gut sichtbar, leicht erreichbar und möglichst wohnortnah liegen. Parks – oder zumindest Teile davon – für Fahrräder freizugeben, würde das Angebot zusätzlich verbessern.

Bewusstsein: Gemeinschaft, Teilhabe und Vorbilder stärken

Radfahren soll sich für alle selbstverständlich anfühlen. Ängste vor Fehlverhalten im Straßenverkehr und Auswirkungen auf den Aufenthaltsstatus sind abzubauen. Dazu braucht es Angebote, die verschiedene Lebenssituationen berücksichtigen, Vielfalt sichtbar machen und Diskriminierung abbauen. Die Stadtplanung muss die Radinfrastruktur in Bezirken mit hohem Migrationsanteil gleichwertig und zügig ausbauen. Belästigungen im öffentlichen Raum müssen ernst nehmen genommen und bekämpft werden, um kulturelle Barrieren zu überwinden. Kampagnen sollten zeigen: Radfahren ist für alle da – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Einkommen. Gemeinsames Radfahren bei Ausfahrten, begleitete Gruppenfahrten und Formate wie „Bici-Busse“ schaffen Vertrauen und verbinden Menschen. Schulen spielen eine wichtige Rolle: Alle Kinder sollten die Möglichkeit haben, für die freiwillige Radfahrprüfung zu üben und sie abzulegen. Das stärkt ihre Selbstständigkeit und kann auch Eltern zum Radfahren motivieren. Gesundheit ist ein wichtiger Anreiz: Radfahren fördert Bewegung und Wohlbefinden. Gleichzeitig sollte die Bedeutung für den Klimaschutz immer wieder hervorgehoben werden.

Empfehlungen fürs Einbinden von Migrant:innen

Aus der Zusammenarbeit mit Migrant:innen konnten methodische Empfehlungen für Forschungsprojekte abgeleitet werden, die marginalisierte und oft in Umfragen unterrepräsentierte Gruppen einbeziehen möchten.

Empfehlungen zu Fragebögen

  • Fragebögen in verschiedenen Kontexten anbieten: Workshops, Kurse, auf der Straße und online
  • Einfache Sprache verwenden und bei Bedarf Illustrationen
  • Informationen zur Einwilligung mehrsprachig bereitstellen.
  • mehrere Antwortmöglichkeiten erlauben, und „keine Angabe“
  • unterschiedliche Formate nutzen und Unterstützungsangebote: Papierfragebögen neben digitalen, Übersetzungen neben sprachlicher und persönlicher Begleitung gegen Lesebarrieren

Empfehlungen zum Forschungsteam

  • Personen aus der Zielgruppe oder ein Begleitgremium mit Zielgruppenmitgliedern und Praxispartner:innen einbinden
  • Zielgruppenrepräsentation bei der Auswahl von Befragern und Mitarbeitenden – soweit als möglich – berücksichtigen
  • Dolmetscher:innen und mehrsprachige Befrager:innen einplanen und mit lokalen, gut vernetzten und zielgruppenkundigen Organisationen kooperieren

Empfehlungen zum Forschungsprozess

  • Projektmanagement flexibel gestalten und regelmäßig mit Kooperationspartner:innen abstimmen
  • selbstkritische Haltung fördern und den Umgang mit unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen
  • ethische Sensibilisierungstrainings und Workshops zur Selbstreflexion durchführen
  • Lebensumstände und Herausforderungen marginalisierter Gruppen berücksichtigen, bei Migrant:innen ohne Aufenthaltsstatus können Behördenangst und die Furcht vor Fehlern die Teilnahme erschweren
  • für Videodokumentationen ausreichend Zeit einplanen: für Vorbereitung, ethische Standards und DSGVO-konforme Datenverarbeitung
  • ein spielerischer Zugang zur informierten Einwilligung kann lange Gesetzestexte ersetzen und den Prozess erleichtern

Und natürlich gilt unser Dank allen Menschen, die im Projekt involviert waren, vor allem jene, die sich Zeit genommen haben unsere Fragebögen zu beantworten und in Interviews Auskunft zu geben.


Dieses Projekt wird aus Mitteln der FFG gefördert. www.ffg.at


Das EMCY-Team besteht aus Beatrice Stude von stape e.U. URBAN CONSULTING als Leadpartnerin, Tadej Brezina vom Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien, Sanderien Verstappen und Helen Vaaks vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien sowie Elisabeth Kampel von klarFAKT e.U.

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